So war's . . .
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Ultra-Radmarathon-Weltmeisterschaft

„Glockner Man 2004“ 

1.010 Kilometer / 15.700 Höhenmeter / 54:38 Stunden  

 

„Was haben Bären, Erlkönige und Käsekuchen mit Hänsel + Gretel zu tun?“  

Alle Leser, die sich jetzt bereits stirnrunzelnd fragen, ob es nicht vielleicht doch ein bischen zu viel für mich war, kann ich beruhigen: Ich fühle mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und werde die Antwort geben können.  

Die Fakts vorne weg:

  1.010 Kilometer und  15.700 Höhenmeter in 54:38 Stunden  

Und nun der Reihe nach:  

Nach dem „RACE ACROSS THE ALPS“ und dem „POLICE MEN 2003“ mag es fast ein wenig vermessen klingen, wenn eine noch größere Herausforderung gesucht wird. Doch es liegt bei einem Sportler wohl in der Natur der Sache, dass er immer versuchen wird einmal Erreichtes noch zu toppen. So kommt die Ausschreibung zum „GLOCKNER MAN 2004“ gerade recht. Doch es ist nicht nur die rein sportliche Herausforderung, die mich reizt. Es sind auch die  angenehmen Erinnerungen an die herzlich-familiäre Atmosphäre beim  „Glockner Man 1999“, die in mir den Wunsch aufkommen lassen noch einmal bei der Fa. Robier in Graz an den Start zu gehen. 

Die Erfahrungen aus den vergangenen großen Events kommen mir bei der Vorbereitung zugute und so kann ich Vieles gelassener nehmen als in den Vorjahren. Trotzdem gilt es für alle Eventualitäten vorzusorgen und entsprechend gewissenhaft zu planen.  

Ganz wesentlich für das Gelingen eines solchen Unternehmens ist ein gut funktionierendes Begleitteam. Mit Eberhard Straub und Mark Eberhart kann ich auf zwei Begleiter vertrauen, die bei den vergangenen Extrem-Events bereits zu meinem Begleitteam gehörten. Als „Neuling“ ist diesmal Fritz Maier dabei, der sehr kurzfristig zum Team gestoßen ist und sich von Anfang an bestens in das eingefügt hat. Als Begleitfahrzeug dient uns wieder der bestens bewährte VW LT 35 mit Hochdach von der Autovermietung Paul in Hechingen. Die funktionelle Radbekleidung kommt von der Fa. GONSO Sportmoden in Albstadt-Onstmettingen.  

Am Mittwoch, 16.06.2004, 06:00 Uhr, starten wir in Bodelshausen. Erste Station ist Hirrlingen, wo wir Mark, seines Zeichens Bäcker, quasi an der Arbeitsstelle abholen. Das Gute dabei: Wir werden mit frisch duftenden Brötchen und süßen Stückchen versorgt. Fritz, Polizeibeamter und Busfahrer aus Leidenschaft übernimmt die erste Schicht am Steuer und bringt uns ruhig und sicher in 7 Stunden nach Graz. Für mich ist es in diese Phase wichtig, dass keinerlei Hektik aufkommt. Eberhard, Polizeibeamter und in der Bewältigung von Konflikt-/Stresssituationen besonders geschult  hat ein waches Auge darauf, dass wir locker bleiben. Noch ist genügend Zeit bis zur Startnummernausgabe und wir beziehen unsere Zimmer im Hotel Liebminger in Unterpremstätten, ca. 2 Kilometer von Start und Ziel entfernt. Die Zimmer sind o.k. Wir trinken in dem wunderschönen Biergarten einen Kaffee. Bestimmendes Thema unserer Gespräche: Wie wird das Wetter??? Die Vorhersagen ergeben kein einheitliches Bild, doch die Tendenz scheint nicht ganz schlecht zu sein. Um 15:30 Uhr geht’s zur Startnummernausgabe. Dort gibt es ein freudiges Wiedersehen mit der Organisations-Chefin Petra Bartl. Meine Startnummer: 23 – eine Zahl die mir gefällt. Zu meiner Überraschung gibt es neben den diversen Startunterlagen eine Sport-/Reisetasche und eine Glockner-Man-Trägerhose. So verwöhnt geht’s zunächst zum Einkaufen/Tanken und dann zurück ins Hotel. Während ich mich entspanne, wird vom Begleitteam das Fahrzeug hergerichtet. Um 18:00 Uhr geht’s zum Briefing. Die Veranstalter haben sich sehr viel Mühe mit dem Erstellen eines detaillierten Road-Books gegeben. Schlüsselstellen werden durchgesprochen. Es gibt nur wenig Rückfragen durch die Teilnehmer bzw. die Teams – Zeichen für die durchdachte Organisation. So verläuft das Briefing kurz und schmerzlos. Anschließend geht’s zum Essen ins Hotel. Salat mit steirischem Kernöl, Spaghetti und eine Portion Schinken mit Ei – das müsste als Grundlage reichen. Auf dem Zimmer noch eine Flasche Wein – selbstverständlich durch 4 geteilt – und ein wenig Fussball EM, dann schlafe ich auch schon ein.

Gegen 02:00 Uhr wache ich auf. Das Begleitfahrzeug steht etwas abgelegen auf einem Parkplatz, fertig gepackt. Wir hatten uns noch ein wenig Gedanken darüber gemacht, ob wir das so lassen können. Diese Gedanken kommen mir jetzt wieder. Was, wenn das Fahrzeug aufgebrochen und die Fahrräder geklaut werden??? Ich überlege mir, ob ich nach dem Fahrzeug schauen soll, lasse es dann aber doch bleiben. Selbst wenn die Fahrräder jetzt noch da sind – vielleicht sind sie dann eine halbe Stunde später weg ..... Ich schlafe wieder ein. Gegen 05:00 Uhr wache ich erneut auf. Die selben Gedanken. Wenn die Fahrräder jetzt noch da sind, dann passiert auch nichts mehr. Also stehe ich auf gehe zum Fahrzeug und traue meinen Augen nicht: Liegt doch hinten im Auto eine Person! Bei genauem Hinsehen erkenne ich Eberhart. Ich kann es nicht glauben. Hat er doch unsere Ängste so ernst genommen und die Nacht im Auto zugebracht um einem eventuellen Diebstahl vorzubeugen!? Für mich ist es in diesem Moment beschlossene Sache, dass ich beschließe den „Glockner Man“ finishen werde – allein meinem Team zuliebe! Ich gehe wieder ins Bett uns schlafe beruhigt noch 3 Stunden.  

Donnerstag, 17.06.2004

Um 08:00 Uhr gibt es Frühstück, und was für ein Frühstück! Es gibt alles was das Herz begehrt und wir genießen es. Und es gibt auch die Antwort auf die Frage, warum Eberhard im Auto übernachtet hat. Fritz als Bodybuilder hat, kaum dass er eingeschlafen war, eine Trainingseinheit eingelegt und angefangen einen Wald umzusägen. Eberhard war klar, dass er nicht zur Ruhe kommen wird und sich kurzerhand ins Fahrzeug verzogen ..... Das also war des Rätsels Lösung.

Wichtiges Fazit: Wir waren alle ausgeschlafen und das Material war vollständig vorhanden.  

Während das Team nochmals alles durchcheckt versuche ich locker zu bleiben. Um 10:00 Uhr gibt es unter den verwunderten Blicken einiger Hausgäste eine ordentliche Portion Spaghetti. Gegen 11:00 Uhr radle ich locker zum Start. Als ich die lange Reihe der Begleitfahrzeuge und das bunte Volk der Teilnehmer und ihrer Betreuer sehe, kommt ein wenig Rennfieber auf. Kontrolle der Beleuchtung durch die Rennleitung – alles o.k.. Von mir aus könnten wir los fahren .... Doch es fehlen noch welche und deshalb heißt es warten, warten, warten. Das Unangenehme am Warten ist, dass einem so viele Dinge durch den Kopf gehen. Haben wir an alles gedacht? Haben wir nichts vergessen? Dann gleichzeitig die beruhigenden Antworten: Wir haben an (fast) alles gedacht und wir haben bestimmt nichts (Wichtiges) vergessen!  

Pünktlich um 12:00 Uhr der Startschuss. Ein komisches Gefühl. Was wird sich wohl in den nächsten zweieinhalb Tagen  abspielen? Wir fahren die ersten 20 Kilometer neutralisiert und ich habe Zeit mich mit anderen Teilnehmern zu unterhalten. Mit Gernot Turnowski tausche ich mich bezüglich unserer Pläne für die Zeit nach dem Glockner Man aus. Vielleicht ein wenig vermessen, wenn man bedenkt, was jetzt erst einmal für eine Herausforderung auf uns wartet. Andererseits sicherlich ein gutes Zeichen für die mentale Verfassung. Die ersten Wellen stellen uns vor keine Probleme und wir werden langsam warm. Das Wetter ist optimal. Sonne und Wolken, ca. 25° C. Am Straßenrand auf Leitungsmasten zwei Storchennester. Wir diskutieren, ob die wohl echt sind oder nur als Touristenattraktion dienen – sie sind echt. Echt ist dann auch der erste ernsthaftere Anstieg nach Kitzeck. Das Rennen ist zwischenzeitlich frei gegeben worden und das Feld zieht sich sehr schnell in die Länge. Ich habe mir vorgenommen nicht gleich mein eigenes Tempo zu fahren sondern zu schauen ob ich nicht doch bei einer Gruppe mitfahren kann. Doch irgendwie machen mir die Spaghetti zu schaffen. Ich habe einen unheimlichen Druck auf dem Magen und muss etwas Gas weg nehmen. Nach der Abfahrt von geht es mir etwas besser. Ich finde wieder Anschluss und kann den Kontakt zur Gruppe halten. Doch irgendwie funktioniert es nicht richtig. Nahezu an jedem kleinen Anstieg fällt die Gruppe auseinander um sich dann wieder zu finden. Also nicht aufregen sondern das eigenen Tempo fahren. Um 14:00 Uhr sind wir in Eibiswald. Ca. 60 Kilometer sind gefahren. Durchschnittsgeschwindigkeit ca. 28 km/h. Es folgt der lange Aufstieg auf die Soboth bzw. das Koglereck (1.244 m). Eine herrliche Landschaft, etwa vergleichbar mit dem Hochschwarzwald. Um 15:30 Uhr ist das Koglereck erreicht und es folgt eine rasende Abfahrt nach Lavamünd. Jetzt nur nicht daran denken, dass dieser Anstieg auf dem Heimweg wohl die Schlüsselstelle sein wird.  Von Lavamünd geht es weiter zügig nach Bad Eisenkappel. Viele zweisprachige Ortsschilder zeugen von der Grenznähe zu Slowenien.  Es folgt der Anstieg zum Schaidasattel (1.068 m). Eine unberührte traumhafte Landschaft – herrlich. Um 18:00 Uhr ist die Passhöhe erreicht. Der Schnitt nach nunmehr 153 Kilometer immer noch bei beruhigenden 26 km/h. Über Ferlach, St. Jakob im Rosental und Finkenstein geht es nach Villach. Unangenehme Erinnerungen an das Jahr 1999 werden wach. Damals hatte ich auf der Strecke von Villach nach Obervellach mit einem stürmischen Gegenwind zu kämpfen, der mir sehr zu schaffen gemacht hat. Heute scheint es besser zu sein und ich komme zügig voran. Mit Martin Kerekes, Slowakei, habe ich einen Begleiter, der kein Freund von Worten ist. Den Blick stur nach vorne gerichtet ignoriert er meine Versuche auf deutsch oder englisch mit ihm ins Gespräch zu kommen. Schade, denn wir haben zu dieser Zeit ungefähr den gleichen Rhythmus. Es klappt aber auch ohne Worte ganz ordentlich und wir kommen gut voran.  

Freitag, 18.06.2004

Wir passieren die Kontrollstelle in Winklern nach nunmehr 314 Kilometern und 4.431 Höhenmetern um 00:10 Uhr. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 26 km/h. Ganz ordentliche Zahlen für einen Radmarathon. Nur ganz kurz mache ich mir klar, dass wir gerade mal ein Drittel der Strecke hinter uns haben ....... Es folgt der Aufstieg zum Iselsberg (1.208 m) und die Abfahrt hinunter nach Lienz/Osttirol. Weiter geht es zur Felbertauernstraße. Um 03:30 Uhr erreichen wir das Südportal des Felbertauerntunnels. Ich muss die Strecke durch den Tunnel im Begleitfahrzeug zurücklegen und wir beschließen, dass ich die Gelegenheit nutze, 15 Minuten zu schlafen. Das Team funktioniert einwandfrei. Kleiderwechsel, Essen, Trinken, alles läuft nach Plan. Keine Spur von Hektik – super! Wieder einmal klappt es mit dem kurzen, entspannenden Schlaf und ich kann die rasende Abfahrt nach Mittersill in Angriff nehmen. Nahezu kein Autoverkehr und die gut ausgebaute Straße lassen es zu, dass ich trotz Dunkelheit ein hohes Tempo fahren kann. Um 04:30 Uhr erreichen wir Mittersill. Bis jetzt hat mir die Nachtfahrt keine Probleme bereitet, doch ich weiß, dass mit dem Tagesanbruch eine für mich kritische Zeit kommt. Ich überstehe diese Zeit ganz gut es naht mit dem Großglockner das „Dach der Tour“. Um 06:30 erreichen wir die Mautstelle Ferleiten. So habe ich es mir gewünscht: Der Anstieg zum Großglockner am frühen Morgen. Die Temperaturen angenehm und kaum Autoverkehr. Um so interessanter, was sich zu so früher Stunde auf der Straße bewegt: Neben Schafen und Murmeltieren u.a. auch ein echter „Erlkönig“, nach Expertenmeinung aus dem Hause Daimler-Chrysler und aus der Gattung „neue S-Klasse“. Ich muss zugeben, dass ich genug mit mir selbst zu tun habe um mich allzu sehr damit zu beschäftigen. Andererseits bin ich froh um jede Abwechslung – und mein Team sicherlich auch. Kurz vor 09:00 Uhr sind wir am Hochtor. Die Durchschnittsgeschwindigkeit nun bei 22 km/h. Schnell etwas Warmes überziehen und dann mit Hochgeschwindigkeit nach Heiligenblut. Für den klassischen Blick von Heiligenblut zum Großglockner bleibt nur wenig Zeit. Eine Stunde später sind wir bereits wieder in Winklern – Passierkontrolle. Die Hälfte der Strecke haben wir nun hinter uns – 499 Kilometer und 8.162 Höhenmeter. Wir gönnen uns eine ordentliche Pause. Gang zur Toilette, verbunden mit ausgiebiger Pflege der doch stark strapazierten  Sitzfläche. Es gibt noch keine Probleme und das soll auch so bleiben. Deshalb lieber ein bischen mehr Zeitaufwand. Von der Rennleitung bekommen wir signalisiert, dass wir ganz gut dabei sind und das wirkt beruhigend. Es kommen weitere Teams zur Kontrollstelle. Es zeigt sich: Nicht alle haben so wenig Probleme wie wir. Es wird davon gesprochen aufzugeben, bzw. direkt zurück nach Graz zu fahren. Für uns ist das kein Thema, dass wir die „Glockner-Runde“ noch ein zweites Mal angehen werden. Eine Nudelsuppe und eine Tasse Kaffee – dann geht es weiter. Die Strecke, die vor ein paar Stunden bei Nacht gefahren wurde ist bei Tag und regem Autoverkehr kaum wieder zu erkennen. Nur der Iselsberg ist noch genau so hoch. Lienz, in der Nacht fast menschenleer, nun zur Mittagszeit hektisch und laut. Ich sehne mich auf die einsamere Felbertauernstraße. Doch auch hier ein völlig anderes Bild. Es wird bewusst, dass es sich hier um eine  wichtige  Nord-Süd-Verbindungen handelt. Autos ohne Ende. Irgendwie tun sie mir leid, wie sie durch die herrliche Landschaft hetzen. Das Begleitteam kann nicht mehr ständig hinter mir sein. Wir wären ein unzumutbares Verkehrshindernis.  Um 14:30 Uhr erreichen wird zum zweiten Mal das Südportal des Felbertauerntunnels. Wir beschließen vor dem zweiten Anstieg zum Großglockner  eine größere Pause einzulegen und beginnen gleich nach dem Passieren den Tunnels mit der Abfahrt. Der Verkehr verlangt höchste Aufmerksamkeit. Ohne Zwischenfälle erreichen wir um 16:30 Bruck und die Abzweigung der Großglockner-Hochalpenstrasse. Die letzten Kilometer haben mir mit der unheimlichen Hektik des Straßenverkehrs ziemlich zugesetzt und ich freue mich regelrecht auf den Anstieg. Meine Wunschvorstellung, auch den zweiten Anstieg zum Großglockner bei Tageslicht fahren zu können scheint sich zu erfüllen. Wir legen eine Pause von ca. 1 Stunde ein, die ich hauptsächlich mit Schlafen verbringe. Ausgeruht und gestärkt beginne ich den zweiten Aufstieg zum Großglockner. Locker bleiben, Rhythmus finden und halten – es klappt ganz gut. Das Wetter scheint sich zu verschlechtern. Dunkle Wolken ziehen auf. Ein frischer Wind sorgt jedoch dafür, dass sie sich nicht so richtig fest setzen können. Immer wieder leichter Regen – nicht unangenehm. Teilweise eine gespenstische Stimmung. Um 21:40 Uhr sind wir zum zweiten Mal an diesem Tag am wolkenverhangenen Hochtor. Höchste Konzentration bei der Abfahrt! Um 23:00 Uhr sind wir bereits wieder in Winklern.

684 Kilometer und 11.893 Höhenmeter. Ich bin jetzt schon ein wenig stolz. Eberhard bestätigt mir dass wir drauf und dran sind die Leistung beim „RATA“ zu toppen. Er macht mir aber auch klar, dass wir nicht mit diesem Ziel angetreten sind. Er hat ja recht! Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist bedingt durch die Anstiege und die Pausen auf knapp unter 20 km/h gesunken. Ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr zu viel Zeit verlieren darf. Beim Begleitfahrzeug geht der Sprit zur Neige. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Begleitteam in Bezug auf die Planungen beim Tanken einen Fehler gemacht hat. Ich habe wenig Hoffnung, dass wir um diese Zeit in dieser Gegend noch eine offene Tankstelle finden und bin heilfroh, als wir in Obervellach an einem Tankautomaten Diesel bekommen.  

Samstag, 19.06.2004

Um 02:25 passieren wir Spittal. Flott geht es durch's Drau-Tal. Meine Gedanken konzentrieren sich jetzt auf den Anstieg zur „Windischen Höhe“. Schaurige Geschichten von 24%-Steigung sorgten für ordentlich Respekt. Jetzt kam hinzu, dass kurzfristig eine Umleitung erforderlich wurde – 13 Kilometer mehr. Wir tun uns etwas schwer die richtige Abzweigung zu finden. Das Wetter verschlechtert sich.  Es beginnt zu regnen. Ich habe keinerlei Orientierung mehr, wo wir sind. Zwischenzeitlich schüttet es richtig. Ich bin genervt. Der Tagesanbruch kommt immer näher und damit die Zeit in der ich meine mentale Schwächephase habe. Plötzlich sehe ich auf der regennassen Straße ein Stück Käsekuchen liegen und ich kann gerade noch ausweichen. Hoppla! Stopp! Etwas überrascht fragen meine Begleiter, was los ist. Ich frage sie, ob sie denn nicht den Käsekuchen auf der Straße gesehen haben. Ungläubige Gesichter – ich muss grinsen und bitte um 15 Minuten Schlafpause. Nach ca. 20 Minuten bin ich wieder völlig klar im Kopf. Der Regen hat auch nach gelassen. So langsam erkennt man die Konturen der Landschaft. Es ist der Wahnsinn! Doch was ist das? Von links wechselt ein Tier über die Straße. Erst ein kurzer Schreck, dann die Gewissheit: Das kann doch nur ein Bär gewesen sein! Nein nicht schon wieder Halluzinationen! Eberhard bestätigt meine Wahrnehmung. Auch er ist der Ansicht, dass es ein Bär gewesen sein muss. Dank Internet weiß ich zwischenzeitlich, dass es in dieser Gegend tatsächlich Bären gibt! Also alles im „grünen“ Bereich. Das Erlebnis wirkt noch eine ganze Zeit nach und so wird der steile Anstieg fast zur Nebensache. Irgendwie bin ich dann doch froh als wir kurz vor 08:00 Uhr in Finkenstein ankommen. 816 Kilometer – noch knapp 200 Kilometer also. Das Begleitteam rechnet und rechnet. Es müsste reichen innerhalb des Zeitlimits von 56 Stunden ins Ziel zu kommen. Aber die 200 Rest-Kilometer haben es noch in sich. Der Anstieg von St. Margarethen zur Abtei gibt sich noch einigermaßen harmlos, was die Steigung anbetrifft. Nur scheint er nicht aufhören zu wollen. Ich weiß nicht wie oft ich mir den Spruch von Herbert Meneweger ins Gedächtnis rufe: „Und bewege ich mich, so komme ich weiter!“ Er hat ja so recht. Um 11:00 Uhr erreichen wir die Abtei. Zwei Stunden später sind wir in Lavamünd. Die Sonne brennt unerbittlich auf die Soboth. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden. Noch mal ordentlich Kohlehydrate tanken und auf geht’s. Locker bleiben, Rhythmus finden. Es läuft einigermaßen rund. Etwa auf halber Strecke verschwindet die Sonne. Ein Regenschauer geht nieder. Regen kann so herrlich sein! Es wird das erwartet schwere Stück Arbeit doch ich kann zufrieden sein. Um 14:45 erreichen wir das Koglereck. Der Blick reicht schon fast bis nach Graz. Ungefähr noch 100 Kilometer. Was sind schon 100 Kilometer? Eigentlich kein Problem, wenn da nicht – ja wenn da nicht schon 926 gefahrene Kilometer wären. Die Abfahrt von der Soboth, eigentlich Genuss pur, bietet ein paar unschöne Überraschungen. Ich bekomme zum ersten Mal Kreuzschmerzen. Bei der Abfahrt habe ich das noch nie erlebt. Aber es ist eine Tatsache. Dann fängt das Rad an zu „schwimmen“. Ich bringe es mit dem Straßenbelag in Zusammenhang und verringere mein Tempo. Doch es wird immer schlimmer und ich kann das Rad gerade noch ohne Sturz zum Halten bringen. Das Hinterrad ist verzogen ..... Irgendwie scheint die Belastung zu groß gewesen zu sein. Für Mark kein Problem. Ruckzuck ist das Hinterrad gewechselt und ich kann wieder los legen.

Um 16:00 erreichen wir Wies. Der letzte „Hammer“ liegt vor uns. Der Anstieg nach Kitzeck fordert die letzten Reserven. Doch auch diese Steigung hat ein Ende! Es ist allerhand los. Ein Fest lockt zahlreiche Besucher nach Kitzeck und das Durchkommen ist, zumindest für das Begleitfahrzeug, ein echtes Problem. Auf der Abfahrt quert kurz vor mir ein Reh die Straße. Mir wird bewusst, dass auch auf die letzten 30 Kilometer höchste Konzentration gefordert ist. Die Kilometer scheinen endlos. Immer häufiger der Gedanke: Was wir wohl nach der Zielankunft abgehen? Letzte Aufmunterungen vom Begleitteam. Das Ziel in Sichtweite halte ich kurz an und telefoniere mit meiner Frau. Ich weiß, ich habe es geschafft! Die Gefühle sind überwältigend. Gratulation von allen Seiten.  

54:38 Stunden meine Endzeit.  

Jetzt schnell ins Hotel, Duschen, und dann zur Siegerehrung. Sie wird von den Verantwortlichen der Fa. Robier stilvoll und einer Weltmeisterschaft durchaus angemessen durchgeführt. Gesamtrang 12 und 3. Rang in der Altersklasse, wenn das nichts ist! Da gab es von Walter Wessiak sogar noch außer der Reihe ein Preisgeld! Herzlichen Dank für diese schöne Geste.  

Fazit:

Wahnsinn, einfach Wahnsinn, was ich zusammen mit meinem Team erleben durfte. Auch wenn’s für mich nicht zum „Titel“ gereicht hat. Mein Team hat die Bezeichnung „weltmeisterlich“ auf jeden Fall verdient. „Weltmeisterlich“ auch die Unterstützung durch meine Familie, Eike, Astrid und Romed. Genauso „weltmeisterlich“ die Unterstützung durch die Fa. GONSO-Sportmoden und durch meine Heimatgemeinde Bodelshausen.  

Absolut „weltmeisterlich“ auch das gesamte Organisations-Team der Fa. Robier, allen voran Petra Bartl. Die sehr persönliche, familiäre Atmosphäre zwischen den Organisatoren und den Teilnehmern hat sicherlich nicht nur bei mir entscheidend dazu beigetragen, das Unternehmen „Glockner Man 2004“ erfolgreich zu bestehen!  

Für alle die sich körperlich und mental in der Lage sehen, diese gewaltige Herausforderung anzunehmen kann ich nur sagen:

  „Absolut empfehlenswert!“

 

Ach so: Was hat das Ganze nun mit Hänsel und Gretel zu tun?

Die Stiftung Hänsel+ Gretel mit Sitz in Karlsruhe/Deutschland nimmt sich bundesweit des Themas „Kindesmissbrauch“ an. Ich werde im Jahr 2005 ca. 2.500 Kilometer nonstop durch Deutschland fahren um auf die Belange missbrauchter Kinder und die Arbeit von Hänsel + Gretel aufmerksam zu machen.

 

Näheres zu dieser Aktion unter:         www.m-guischard.de

                                                        www.haensel-gretel.de