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„RACE
ACROSS THE ALPS“ Persönlicher
Erfahrungsbericht 08. Juli 2001 – Niedergeschlagenheit macht sich bei mir breit. Beim „RACE ACROSS THE ALPS“ (RATA) bin ich nach ca. 360 Kilometern und 9.000 Höhenmetern gescheitert und weiß selbst nicht so recht warum. Körperlich ging es mir nicht schlecht und trotzdem konnte bzw. wollte ich nicht mehr. In zahlreichen Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass mir die richtige mentale Einstellung gefehlt hat. Hinzu kamen zahlreiche kleinere Fehler, die sich summierten und letztendlich das Durchkommen verhinderten. Nachdem die Fehler analysiert waren entstand bei mir der Wunsch es noch einmal zu versuchen und es besser zu machen. Vorbereitung Eine frühzeitige Startzusage von Veranstalterseite (Othmar Peer) ermöglicht es mir, mich mit meinem Training und den notwendigen Vorbereitungen schon recht frühzeitig auf das Unternehmen „RATA 2002“ einzurichten. Ende Oktober fahre ich, bei herrlichem, spätherbstlichem Wetter, die restliche Strecke des RATA (Flüela-Pass, Ofen-Pass, Umbrail-Pass/Stilfser-Joch) mit dem Fahrrad ab und kenne jetzt die gesamte Strecke. Über den Winter fahre ich, ohne Rücksicht auf Wind und Wetter, ca. 2.500 Kilometer mit dem Mountainbike. Es zeigt sich, dass mit entsprechend hochwertiger, funktionsgerechter Radsportbekleidung (Fa. GONSO-Sportmoden, Albstadt) auch bei absolutem „Sauwetter“ und Temperaturen von bis zu –10°C vernünftig trainiert werden kann. Hinzu kommen regelmäßig ausgleichende Gymnastik, Krafttraining im Studio und Jogging. Mark Eberhart, der lange
Jahre zur deutschen Spitze im Radcross gehörte, signalisiert mir schon frühzeitig,
dass er mich bei einem zweiten Start radsporttechnisch und –taktisch betreuen
wird. Auf seinen Rat hin wird zum Jahresbeginn die Sitzposition auf dem Rennrad
geändert und ich trainiere vermehrt mit dem Rennrad auf der Rolle, wobei Einheiten mit 2 bis 3
Stunden mit zum Programm gehören. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase finde
ich mich mit der geänderten Sitzposition sehr gut ab. Nachdem ich in den
vergangenen Jahren mein Training weitestgehend „aus dem Bauch“ heraus
organisiert habe, vertraue ich ab dem Jahreswechsel dem „TOUR-Trainingsplaner“
im Internet und halte mich über die ganze Zeit der Vorbereitung im Wesentlichen
an dessen Vorgaben. Die Trainingsdauer bei einzelnen Trainingseinheiten,
insbesondere im Grundausdauerbereich, liegt im
Hinblick auf die extreme Herausforderung des RATA teilweise deutlich über
den zeitlichen Vorgaben des Trainingsplaners. Bereits frühzeitig merke ich,
dass mir die Periodisierung des Trainings gut tut und ich nach den Ruhephasen
eine deutliche Leistungssteigerung verzeichnen kann. Anfang Juni fahre ich mit
dem „Schwobaland-Extrem“ einen anspruchsvollen Radmarathon, um meine
Leistungsfähigkeit zu testen. Mit dem Ergebnis bin ich rundum zufrieden. Es
folgen noch mehrere „harte“ Trainingseinheiten über 300 bis 400 Kilometer
und jeweils ca. 4.500 Höhenmeter im Schwarzwald. Ende Juni wird die sportliche
Vorbereitung weitestgehend abgeschlossen und ich fahre bis zum Start in Nauders
nur noch lockere Einheiten. Freunde / Gönner und Sponsoren
Dass der Start bei einem Rennen wie dem „RATA“ nur noch bedingt etwas mit Hobby-Sport zu tun hat merkt man allerspätestens dann, wenn man den logistischen Aufwand betrachtet, den solch ein Unternehmen mit sich bringt. Von unschätzbarem Vorteil ist es, wenn man bei der Bewältigung dieser Aufgaben auf großzügige Freunde, Gönner und Sponsoren vertrauen kann. Bereits in der Vorbereitungsphase spielt die hochwertige, kohlenhydratreiche Ernährung eine entscheidende Rolle. Mit der Fa. ALB-GOLD-Teigwaren aus Trochtelfingen steht mir als offizieller Energielieferant ein Partner zur Seite der große Mengen an Teigwaren in unübertrefflicher Qualität zur Verfügung stellt. Für die hochwertige Ernährung während der Zeit auf dem Fahrrad zeichnet sich die Fa. ULTRA-SPORTS aus Tübingen verantwortlich. Ebenfalls von elementarer Bedeutung (s.o.) ist selbstverständlich eine funktionsgerechte für extreme Witterungsverhältnisse geeignete Bekleidung. Dabei muss in Betracht gezogen werden, dass in den Alpen auch im Juli durchaus winterliche Verhältnisse angetroffen werden können. Entsprechend groß der Bedarf an Wechselkleidung für alle Launen der Natur. Von der Fa. GONSO-Sportmoden aus Albstadt werde ich diesbezüglich in vorbildlicher Weise unterstützt. Bereits im vergangen Jahr zeigte es sich, dass ein Begleitfahrzeug in der Größe eines VW LT 35 nahezu optimale Arbeitsbedingungen für das Team bietet und sich auch unter extremen Bedingungen mit ausreichend Sicherheitsreserven fahren lässt. Entsprechend froh bin ich als durch die Fa. KRAJNC Karosseriebau, Hirrlingen und die Autovermietung PAUL, Hechingen, wieder ein entsprechendes Fahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Weitere - teils großzügige finanzielle - Unterstützung wird mir von der Gemeinde Bodelshausen, dem Radfahrerverein Bodelshausen, der Fa. Radsport SCHLAICH, Bodelshausen, und der Fa. Fluvo-Schmalenberger, Tübingen, zuteil. Um selbst für den Fall eines kapitalen Defekts am Rad gerüstet zu sein wird mir von der Fa. Fahrrad-Kaiser, Böblingen, ein Ersatzfahrrad zur Verfügung gestellt. Die Fa. Sport-Marketing-Schempp, Sindelfingen, verhilft mir in rekordverdächtiger Zeit zu einer Homepage, die allgemein aufs Höchste gelobt wird und den Besuchern Einblicke in meine (nicht nur sportlichen Aktivitäten) bietet. Mit Mark Eberhart ist bereits frühzeitig ein Mann mit von der Partie, dessen Erfahrung aus dem Spitzensport und Akribie in vielen Belangen für das Team und mich von unschätzbarer Bedeutung sein sollte. Sein langjähriger Bekannter und Trainingspartner Klaus Zug (auch er mit Radmarathon-Erfahrung) soll sich während des Rennens insbesondere für die regelmäßige und ausgewogene Verpflegung verantwortlich zeigen. Eberhard Straub, als Konflikthandhabungstrainer der Polizeidirektion Balingen in psychologischer Hinsicht besonders geschult, soll mir, zusammen mit Slava Bäzol, helfen die Phasen extremster körperlicher Belastung psychisch zu meistern. Slava Bäzol wird zudem die Aufgabe der Controllerin im Team von Horst Turnowsky übernehmen. Uns wird als Controller Gernot, ein 15-jähriger Nauderer , zugelost, der sich mit der Übernahme dieses Amtes ein kleines Taschengeld verdient. Peter Mehler, Sachbearbeiter Öffentlichkeitsarbeit bei der Polizeidirektion Balingen, übernimmt bereits während der Vorbereitungsphase die gesamte Pressearbeit und erspart mir dabei manchen langen Abend vor dem PC. UnterkunftAls Unterkunft dient uns in Nauders, wie im vergangenen Jahr, das „Landhaus Engadin“. Von Sonja und Alois Senn werden wir, mit all unseren Sonderwünschen (man sollte wirklich nicht glauben, was so verrückten Radlern und ihrem Begleitteam alles einfällt) in einer Super-Atmosphäre in unnachahmlicher Weise unterstützt. Die ausführlichen Schilderungen bis hierher sollen dokumentieren, dass jeder einzelne Beitrag wesentlich zu meinem erfolgreichen Abschneiden beigetragen hat! Anreise/Vorbereitungen vor OrtMittwoch, 10.07.02, gegen 16.00 Uhr. Wir starten einigermaßen pünktlich in Bodelshausen und fahren über die Alb zum Grenzübergang Lindau/Bregenz. Die Stimmung im Team ist ausgezeichnet. „Süße Stückle“ von unserem Bäcker, Mark Eberhart, werden mit Genuss verzehrt. Ohne Probleme erreichen wir kurz vor 22.00 Uhr Nauders. „Luis“ hat die Küche zwar schon aufgeräumt und alles sauber gemacht – für uns wirft er den Herd nochmals an und serviert Spaghetti mit Salat. Vor dem zu Bett gehen schauen wir uns auf dem Zimmer noch einen Bericht über den „Marathon des Sables“ dieses Jahres an, den ein alter Freund von mir, Friedrich „Fips“ Fink, dieses Jahr erfolgreich gelaufen ist. Die Bilder von den bis zur völligen Erschöpfung kämpfenden Marathonläufern lassen in etwa erahnen, was in den nächsten Stunden auf mich zukommen kann. Trotzdem schlafe ich ausgezeichnet. Donnerstag, 11.07.2002, 08.00 Uhr, wir treffen uns zum gemeinsamen Frühstück und besprechen die Aufgaben, die noch erledigt werden müssen. Die Ausrüstung muss nochmals auf Vollständigkeit überprüft und diverse Verpflegung vor Ort frisch eingekauft bzw. für den morgigen Tag bestellt werden. Während Mark, Eberhard und Slava sich diese Aufgaben teilen und dabei auch der Kirche einen Besuch abstatten, schwinge ich mich mit Klaus Zug aufs Fahrrad um mich ein wenig zu akklimatisieren. Nach den ca. 2 ½ Stunden auf dem Fahrrad fühle ich mich ausgezeichnet. Gemeinsam fahren wir nach Samnaun um uns dort durch Bummeln und Shopping etwas abzulenken. Pünktlich zum offiziellen Briefing um 17.00 Uhr sind wir wieder in Nauders. Ich überlasse es meinem Team sich mit den Einzelheiten der Veranstaltung und des Reglements vertraut zu machen und gönne mir währenddessen eine Massage. Völlig entspannt treffen wir uns später beim Abendessen und besprechen die wichtigsten Neuigkeiten. Die Wettervorhersagen sind nicht allzu schlecht. Die Strecke kann, wie vorgesehen, befahren werden. Gemeinsam mit Slava besuche ich noch einen Abendgottesdienst. Auch in dieser Nacht schlafe ich ausgezeichnet. Freitag, 12.07.2002, 06.00 Uhr, Mark steht auf und beginnt die Verpflegung herzurichten. Brote und Frischeiwaffeln werden bestrichen/belegt und in mundgerechten Portionen einzeln verpackt. Ein riesen Aufwand, der sich im Verlauf des Rennens aber bewähren sollte. Es wird ausgiebig und in aller Ruhe gefrühstückt. Ich erhalte nochmals, wie schon in den vorangegangenen Tagen, eine Lektion in Sachen „positives Denken“. „Luis“ kocht Fleischbrühe und füllt sie in Thermoskannen ab. Das Fahrrad wird nochmals durchgecheckt, die Startnummern an Fahrrad, Helm und Trikot angebracht und, und , und .......... Wir sind alle zunehmend nervös, eine Hektik kommt aber nicht auf. Pünktlich um 09.30 Uhr, serviert mir „Luis“ nochmals eine Familienportion Spaghetti. Während ich das Essen genieße schließt das Team die Vorbereitungen ab. Die stets kritische Mine von Mark hellt sich etwas auf, auch er ist zufrieden. Kurz vor 11.00 Uhr. Wir machen noch ein paar Gruppenfotos und orientieren uns dann Richtung Postplatz, wo die Vorstellung der Fahrer beginnt. Die Stimmung im Team ist unverändert gut. Ich selbst befinde mich in einem Zustand angespannter Erwartung. So richtig nervös bin ich nicht. Rennverlauf Freitag, 12.07.02, kurz nach 12 Uhr, fällt der Startschuss. Wir fahren, neutralisiert, bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen unter dem Beifall zahlreicher Zuschauer durch die engen Gassen von Nauders, vorbei an den wartenden Begleitfahrzeugen auf die Bundesstraße und weiter Richtung Reschenpass. Das Tempo ist zügig aber nicht übertrieben hoch. Die Stimmung im Fahrerfeld ist locker, es werden Sprüche geklopft und es wird viel gelacht. Franz Venier erzählt über seine Eindrücke vom RAAM (6. Platz) und weiß noch nicht so recht, ob er 14 Tage nach diesem Erfolgt schon wieder in der Lage ist ein Rennen wie das RATA durchzustehen (Er wird es, genau wie Wolfgang Fasching, der das RAAM zum dritten Mal in Folge gewonnen hat, in beeindruckender Weise schaffen!) 13.30 Uhr. Wir erreichen Prad. Unmittelbar vor Beginn des Anstieges zum Stilfser Joch, wird das Rennen freigegeben. Schade eigentlich. Ich hätte noch lange so weiterfahren können ....... Es kommt Hektik auf. Menschliche Bedürfnisse werden erledigt, Begleitfahrzeuge werden gesucht, Flaschen nochmals gefüllt, Riegel/Bananen eingesteckt und dann geht es auch schon wieder los. Ich merke recht schnell, dass ich mich von Beginn an auf mein Tempo verlassen und meinen Rhythmus finden muss. Das gelingt mir auch recht gut. Trotz der Tatsache, dass es schon elend lange bergauf geht und die Höhe von 2.700 Höhenmeter auch nicht ganz ohne ist, fühle ich mich gut. Das Essen und Trinken klappt, dank der Unterstützung durch das Team, von Beginn an ausgezeichnet. Von Wetterkapriolen bleiben wir diesmal völlig verschont. Auf der Passhöhe (15.30 Uhr) wird deshalb nur kurz Halt gemacht, eine Windjacke übergezogen, und dann geht es auch schon hinab Richtung Bormio. Es folgt der Anstieg zum Gavia-Pass. Während hier im vergangenen Jahr das Wetter langsam besser wurde, erscheint es jetzt umgekehrt. Ich finde auch hier schnell meinen Rhythmus und kann den Pass ohne Probleme und ohne Pause durchfahren. Um 18.07 Uhr erreiche ich die Passhöhe auf 2.600 Meter. Es beginnt zu nieseln. Die Sicht bei der Abfahrt ist, durch Nebel/Wolken äußerst schlecht. Hinzu kommt, dass dieser Streckenteil im vergangenen Jahr wegen eines Lawinenabgangs nicht befahren werden konnte. Die Strecke ist mir deshalb völlig unbekannt. Je weiter man sich dem Tal nähert, um so besser wird die Sicht. Die Straße ist schmal. Es folgen zahlreiche Galerien und Tunnels. Die ersten sind relativ kurz. Dann kommt, für mich urplötzlich, ein längerer, unbeleuchteter, Tunnel. Die Fahrradbeleuchtung ist noch nicht montiert und ich bin plötzlich von völliger Dunkelheit umgeben. Ich bremse das Fahrrad vorsichtig und doch so schnell als möglich ab. Ich habe keinerlei Ahnung, wie die Fahrbahn verläuft und hoffe, dass ich nicht plötzlich gegen eine Wand fahre. Nachdem ich das Fahrrad zum Stehen gebracht habe, orientiere ich mich langsam, Schritt für Schritt, nach rechts, bis ich mich erleichtert gegen die Tunnelwand lehnen kann. Hinter mir höre ich ein Auto und ich hoffe inständig, dass mich der Fahrer rechtzeitig erkennt. Gott sei Dank ist es mein Begleitfahrzeug, das hinter mir hält und mir bei der Weiterfahrt die Strecke ausleuchtet. Die Strecke wird übersichtlicher und die Geschwindigkeit nimmt deutlich zu. Erfreulich schnell erreiche ich Edolo und um 20.00 Uhr die Passhöhe des Aprica-Passes. Es folgt eine rasend schnelle Abfahrt nach Tresendo und ein Flachstück nach Tirano. Es ist von Vorteil, dass ich mich auf diesem Streckenabschnitt mit einem anderen Fahrer in der Führungsarbeit abwechseln kann. So kommen wir auch auf diesem Streckenabschnitt zügig voran. Gegen 21.00 Uhr kommen wir am Fuß des Mortirolo an. Die Beleuchtung und ein anderes Hinterrad (mit einem 27-er Ritzel) werden montiert. Ich esse ordentlich und beginne dann den mörderischen Aufstieg zum Mortirolo-Pass (bis zu 26%-Steigung). Ich bin diesen Pass im vergangenen Jahr auch gefahren; eigentlich weiß ich wie steil er ist und doch er kommt mir noch viel steiler vor! Hoffentlich wird es unser Bus schaffen! Es wird dunkel. Die steile Straße durch den Wald wirkt teilweise unheimlich. Um 23.00 Uhr ist es dann geschafft. Die Passhöhe des Mortirolo ist erreicht und ich bin richtig erleichtert. Auch hier habe ich meinen Rhythmus und mein Tempo gefunden und konnte den Pass ohne Pause meistern. Die Abfahrt ist mir vom vergangenen Jahr noch bekannt und stellt mich vor keine Probleme. Wieder geht es zügig nach Edolo. um 0.22 Uhr bin ich zum zweiten Mal auf der Passhöhe des Aprica und kurz nach 01.00 Uhr in Tirano. Diesmal geht es von Tirano über die Schweizer Grenze Richtung Bernina-Pass. Es ist noch trocken, beginnt aber bereits zu donnern. Je weiter wir am Bernina-Pass kommen, um so bedrohlicher wird das Szenario. Ich weiß gar nicht wo es überall blitzt und donnert. Es scheint so, als seien wir von Gewittern umgeben. Die Blitze erleuchten die Eisriesen der Bernina in unheimlichen Farben und der Donner hallt ohne Ende von den Bergwänden wider. Irgendwann beginnt es dann auch zu regnen. Ich überlege mir ständig, wie lange ich wohl noch gefahrlos weiterfahren kann. 2 Kilometer unterhalb der Passhöhe, entschließen wir uns für eine Pause. Das Unwetter scheint nun genau über uns zu sein. Wir nützen diese Pause zum Kleidungswechsel. Ich esse etwas und bin versucht etwas zu schlafen. Mark scheint dies zu bemerken und er schickt mich wieder auf die Straße. Eine knappe halbe Stunde dürften wir durch diesen Halt verloren haben. Ich finde schnell wieder meinen Rhythmus, passiere kurz vor 05.00 Uhr die Passhöhe und fahre weiter Richtung Samedan. Der Regen lässt langsam nach, doch eine richtige Wetterbesserung scheint nicht zu kommen. Um 05.50 Uhr erreiche ich La Punt und ca. 1 Stunde später die Passhöhe des Albula. Ich fühle mich gut. Die abwechslungsreiche, regelmäßige Verpflegung und die gute Bekleidung tragen wesentlich zu meinem Wohlbefinden bei. Die Abfahrt ins Unterengadin, bei teilweise schlechten Straßen- und Witterungsverhältnissen erfordert höchste Konzentration. Trotzdem kann ich hier zwei vor mir liegende Fahrer überholen. Das motiviert mich ungemein und ich muss mich ein wenig bremsen. Noch habe ich ein gewaltiges Pensum vor mir. Beim Anstieg nach Davos werden die Erinnerungen an das vergangene Jahr wach. So gut, wie es mir jetzt läuft, kann ich es mir nicht mehr richtig vorstellen, dass dies der Punkt gewesen sein soll, an dem ich letztes Jahr aufgegeben habe. Ich versuche auf diesem Streckenabschnitt locker zu bleiben und es gelingt mir auch recht gut. Irgendwann stelle ich fest, dass das Begleitfahrzeug an einem Laden anhält und ich freue mich. Offenbar ist irgend etwas ausgegangen. Nachdem ich im vergangenen Jahr viel zu wenig gegessen und vor allem auch getrunken habe, werte ich dies als positives Zeichen. Tatsächlich mussten Bananen nachgekauft werden. Sie waren mir, in mundgerechten Portionen gereicht, mit das Liebste, was ich während des gesamten Rennens zu mir genommen habe. Gegen 09.00 Uhr erreichen wir Davos und ich gönne mir vor dem Anstieg zum Flüela Pass eine etwas längere Pause. Es wird noch einmal ausgiebig gegessen und getrunken. Vielleicht war die Pause ein wenig zu lang – auf jeden Fall komme ich am Flüela nicht richtig in Tritt. Die beiden Kontrahenten, die ich bei der Abfahrt vom Albula überholt habe, schließen auf, überholen mich und ich kann ihnen nicht folgen ...... Habe ich mich schon zu sicher gefühlt? Der Blick auf die Uhr. Erstmals hege ich Bedenken ob die 32-Stunden für mich ausreichen werden. Mark versucht mir vorsichtig klar zu machen, dass ich etwas zulegen muss um den Kontrollpunkt in Santa Maria rechtzeitig erreichen zu können. War meine Psyche bislang o.k. so kommen nun immer mehr Zweifel am Gelingen auf. Von Eberhard gibt es aufmunternde Worte, von Klaus gibt es Gebäck und um 11.00 Uhr erreiche ich die Passhöhe des Flüela. Ich gönne mir keine Pause und fahre gleich weiter nach Susch. Es keimt wieder ein Funken Hoffnung. Mein Rhythmus stimmt wieder, die Sonne kommt ein wenig durch und ich freue mich auf den Ofen-Pass. Er hat mir bereits im Herbst auf Anhieb gefallen. Zwischenzeitlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich, Zeitlimit hin oder her, auf jeden Fall bis nach Nauders fahren will. Noch während des Anstiegs stößt ein Fahrzeug der Rennleitung zu uns. Ich ahne Schlimmes, drehe mich überhaupt nicht um und hoffe, dass mein Team durch die Verzögerung am Bernina-Pass vielleicht noch eine Verlängerung des Zeitlimits heraushandeln kann. Das Begleitfahrzeug bleibt zurück. Als ich es wieder näherkommen höre weiß ich nicht so recht ob ich mich freuen soll. Ganz erstaunt war ich, als ich die entspannten Gesichter meines Teams sah. Sie konnten mir die erfreuliche Mitteilung machen, dass wir uns keinerlei Sorgen um das Zeitlimit zu machen brauchen, weil wir nach Ansicht der Rennleitung noch über ausreichend Zeitreserven verfügen. Ein herrliches Gefühl! Alle Ängste sind mit einem Mal weg. Um 13.00 Uhr erreiche ich die Passhöhe und um 13.30 beginne ich bereits mit dem Anstieg zum Umbrail Pass. Das Wetter ist wieder schlechter geworden und es beginnt sich so richtig einzuregnen. Ich beiße die Zähne zusammen und finde wieder meinen Rhythmus. Auch hier weiß ich, dass er steil ist, dass die Straße schlecht, teilweise sogar nur geschottert ist und dass er sich oben endlos lange zieht. Ich weiß aber auch, dass es der letzte harte Brocken ist. Irgendwann erreiche ich die Passhöhe des Umbrail, die so recht keine ist, weil es ja, nach der kurzen Abfahrt gleich mit dem Schlussanstieg zum Stilfser-Joch weitergeht. Die Passhöhe des Stilfser Joches ständig vor Augen ziehen sich die Kehren endlos. Ist es die fehlende Kraft oder geht es tatsächlich noch einmal so steil bergauf? Zum Regen kommt jetzt die Kälte und der Wind. Der Blick auf die Berge zeigt, dass wir nicht mehr allzu weit von der Schneefallgrenze entfernt sind. Das Team stellt das Begleitfahrzeug an einer windgeschützten Stelle ab und ich flüchte mich um 16.20 Uhr auf der Passhöhe in das warme Auto. Die Kleidung wird gewechselt, Fleischbrühe weckt die Lebensgeister und ich bereite mich auf die brutale Abfahrt vom Stilfser Joch vor. Jetzt nur nichts mehr überstürzen. Einerseits erscheint das Ziel Nauders unmittelbar vor Augen, andererseits mache ich mir klar, dass es doch noch ein ganz ordentliches Stück zu bewältigen gilt. Langsam beginne ich die Abfahrt. Ich habe Angst vor einem Krampf in den Armen, der möglicherweise ein rechtzeitiges Bremsen verhindern könnte und halte zweimal an um meine Arme zu massieren. Ein Linienbus vor mir kommt gelegen, da er verhindert, dass ich zu schnell werde. Ein Überholen des Busses kommt für mich in dieser Situation überhaupt nicht in Frage und so erreiche ich langsam aber sicher das Tal. Dankbar, dass alles gut gegangen ist fahre ich weiter Richtung Reschenpass. Während in den letzten Stunden, sicherlich auch witterungsbedingt, wenig Verkehr herrschte, kommt nun auf einmal eine ganz neue Situation auf mich zu. Die schnellen Fahrzeuge, insbesondere die Lastwagen, auf der gut ausgebauten Straße sind für mich ein Problem an das ich mich erst wieder gewöhnen muss. Das Wetter wird nicht besser und es scheint so als würde es langsam Nacht werden. Ich schaue immer wieder auf die Uhr um mich zu versichern, dass ich noch ausreichend Zeit habe. Bislang hatte ich an keinem Pass zwischendurch angehalten. Am Reschenpass ist es soweit. Mich plagen Kreuzschmerzen und ich muss zweimal absteigen um mich etwas zu entspannen. Als ich die Passhöhe erreiche balle ich die Hand zur Faust und mir kommen die Tränen. Mich überkommt ein unbeschreibliches Gefühl der Entspannung, der Freude und der Ernüchterung. Das war es also das RATA! Und ich habe es so gut wie geschafft! Noch einmal versuche ich mich mit aller Macht zu konzentrieren. Jetzt nur keinen Fehler mehr machen. Die Straßen sind nass. Die Sicht ist schlecht. Die Autofahrer könnten dich übersehen. Beflügelt vom nahen Ziel gebe ich noch einmal alles. Das Fahrzeug vom Rennarzt kommt mir entgegen, wendet, und fährt vor mir Richtung Nauders. Irgendwann kommt das Fahrzeug der Rennleitung, wendet ebenfalls und setzt sich vor das Fahrzeug des Rennarztes. So im Konvoi nähern wir uns recht schnell Nauders. Slava winkt aus dem Fahrzeug des Rennleiters. Ortseingang Nauders, es wird gehupt, geblinkt, gewunken. Erste Zuschauer an der Straße klatschen Beifall. Ein letzter Anstieg dann der Postplatz – das Ziel. Ich habe es geschafft: 31 Stunden 14 Minuten 02 Sekunden! 544 Kilometer und 12.600 Höhenmeter! Meine Frau, mein Sohn Romed, Rose (die Frau von Eberhard) stehen da – freuen sich und sind sicherlich erleichtert uns alle gesund zu sehen. Mein Team streift mir ein neues Trikot über. Ich begebe mich auf die Rampe und nehme die Glückwünsche von Othmar Peer und Max Wassermann entgegen. Es regnet immer noch. Müde und erschöpft – aber keineswegs völlig kaputt – mache ich mich auf den Weg zum Hotel. „Luis“ öffnet die erste Flasche Sekt. Nachdem sich die erste Welle der Euphorie etwas gelegt hat, stellt Slava fest, dass sie offenbar in eine Glasscherbe getreten ist. Ein Arztbesuch lässt sich nicht umgehen. Ich gehe duschen und versuche mir ständig klar zu machen, dass ich mein großes Ziel erreicht habe. Erstmals meldet sich jetzt der Hunger und ich freue mich richtig auf Pommes. „Luis“ macht uns ein Festessen und wir genießen es! NachbetrachtungSonntag, 14.07.02, 06.00 Uhr. Ich wache auf, brauche einen Moment um mich zu orientieren und kann es nicht glauben, dass ich das gesteckte Ziel tatsächlich erreicht habe. Ich beginne mich richtig zu freuen und kann nicht mehr einschlafen. Körperlich fühle ich mich einigermaßen gut. Kein Muskelkater, keine Sitzbeschwerden, kein verspannter Nacken. Nur Hunger und Durst. Es ist schon erstaunlich was ich in den kommenden Tagen alles esse und trinke. Wieder zu Hause erreichen mich unzählige Glückwünsche. Presseberichte, Rundfunkinterviews, Empfang durch die Gemeinde und den Radfahrerverein. Ich genieße es im Mittelpunkt zu stehen. Am Mittwoch erreicht mich die Anfrage von Matthias Schempp (Sport-Marketing Schempp) ob ich nicht Interesse hätte am Samstag beim „Schwobaland 400“ an den Start zu gehen ........ Am Freitag sitze ich erstmals wieder auf dem Fahrrad und stelle fest, dass es ganz gut läuft. Ein Anruf bei Matthias Schempp und ich fahre am Samstag, genau 1 Woche nach dem „RATA“ bereits meinen nächsten Marathon über 400km ohne irgendwelche körperlichen Beschwerden! |